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Das Finale einer der wohl verrücktesten Dekaden der Menschheitsgeschichte ist bald bereits 20 Jahre her und die glorreichen Neunzigerjahre endgültig Geschichte. Zwischen Sonnenallee und Sonnenfinsternis ging nicht nur ein Jahrzehnt, sondern ein Jahrtausend zu Ende, das Millennium war völlig zurecht Wort des Jahres. Zurück in der Zukunft ist die Zeit des gefühlten Aufbruchs aktueller denn je und Parties, die sich an die kollektive Kindheit und Jugend erinnern, landesweit jedes Wochenende der absolute Hit. Wer allerdings eine Art interaktive Zeitreise unternehmen möchte, muss dieser Tage ein Konzertticket käuflich erwerben und sich zu einer der zahlreichen Veranstaltungen aufmachen, die sich vor der Vergangenheit verneigen und mit einem Hauch Melancholie gedenken. Für Nostalgiker und ewig Junggebliebene Musikfreaks genau das Richtige, also auch für mich.

Wegweiser sind hier nicht von Pappe & die Erfrischung stilecht!

Also zurück zur Bonner Rheinaue, wo ich zuletzt 2011 der dortigen Rheinkultur beiwohnte. Dank zwei Ortskundiger im passenden Look mit original Vintage Haarschmuck erreiche ich pünktlich gegen 14 Uhr das Eventgelände – im Hintergrund gibt der deutsche Danceflooract Fun Factory seine Hits zum Besten. “I Wanna be with you” direkt zum Mitsingen, eine passendere Begrüßung hätte ich mir nicht vorstellen können. Akustische Untermalung während meiner ersten Erkundung vor Ort, gibt’s dann noch von den reaktivierten La Bouche, die auch ohne Sängerin Melanie Thornton einige der absoluten Ober-Ohrwürmer präsentieren. Wer hier stumm bleibt, hat sich ganz klar in der Adresse geirrt. Für mich persönlich ist der Trip auf der Straße der Erinnerungen 2019 einfach passend, denn meine Biographie ist aktuell übersät mit Jubiläen und auch meine allererste Konzerterfahrung lasse ich noch einmal aufleben, wenn ich 25 Jahre und drei Tage später, mir zum zweiten Mal in meinem Leben die Kelly Family angucke. Damals 1994 waren sie in Duisburg in einem Zirkuszelt im Sportpark Wedau aufgetreten, 2019 ist es die Arena Oberhausen, in der ich sie passend zur Weihnachtszeit sehe werde. 1994 war zudem das Jahr, in dem ich mir die erste CD von East 17 kaufte und die berüchtigte britische Boyband, die auch Jungs cool finden durften, Hauptgrund, mir Die 90er live in Bonn reinzuziehen.

Hier sitzt jeder Ton & Tanzschritt: CITA

Von meinen Freunden durchaus belächelt, aber derartige Reaktionen haben mich noch nie interessiert. Das war es auch, was ich in den 90s mochte und auch immer noch liebe: Jeder kann die abgefucktesten Klamotten tragen, komische Musik hören und doch haben sich irgendwie alle lieb. Zugegebener Maßen ist das eher eine romantisierte Sichtweise auf das, was damals war und hat mit tatsächlicher Erinnerung wenig zu tun, aber genau darum geht es heute auch: Sich auf das besinnen, was damals wirklich oder zumindest  gefühlt besser war. Und gefeiert haben wir in den 90ern, auch ich und angefangen habe ich in der Duisburger Kult-Disco schlechthin, dem Old Daddy. Dort gastierte einst schon Tatort Kommissar Schimanski und heute ist die Institution fast wieder so beliebt wie früher. Nach einem ersten musikalischen Marsch plus Gepäck in Form meines Diddl-Portemonnaies und den Klängen von Captain Jack samt seiner leicht bekleideten Kompanie attraktiver Damen, bin ich voll da im Moment. Also zurück ins Jetzt und während ich noch die Örtlichkeiten aufsuche, stürmt ein niederländisch-englischer Exportschlager die Bühne, der mich als Teenie minimal tangierte. Für Caught In The Act war ich als waschechtes Riot Girrrl einfach zu cool und die Jungs einfach nicht mein Fall, doch “20 Jahre später und 40 Kilo schwerer” holen mich die mittlerweile sehr gereiften Männer plötzlich komplett ab. Auf einmal sind all die Songtexte wieder da, die sich irgendwo zwischen Amygdala und Stammhirn erfolgreich eingenistet haben. “Babe”, “Don’t Walk Away From Me” und natürlich der Dauerbrenner “Love Is Everywhere” bringen mich zum Tanzen, Singen und Lachen. Und ich glaub, ich bin jetzt auch Fan!

Die Bad Boys aller Boybands: East 17 (Ultras) 

Auch wenn Culture Beat kein klassisches One-Hit-Wonder sind, von denen es in den Charts der Nineties nur so wimmelt, wird doch schnell klar, dass außer dem Überkracher “Mr. Vain” und dem etwas weniger kultigen “Got to Get it” hier nicht viel Substanz zu erwarten ist. Schade, aber manche Songs funktionieren aus der Konserve eben weitaus besser. Da kann die Tranceformation Snap! ein deutlich umfangreicheres Repertoire aufweisen und überzeugt mit Stücken wie “The Power”, “Ooops Up” und natürlich DEM Eurodance-Dauerohrwurm überhaupt “Rhythm is a Dancer”. Und dann ist er endlich gekommen, der Moment, in dem sie da sind und eine dezent verstrahlte und musikverrückte 12-Jährige in mir ausrasten möchte, denn über 25 Jahre musste sie warten, um endlich diese Typen in Echt anschmachten zu können: East FUCKIN’ 17! Mit “Steam” – Album UND Single –  haben sie mein Herz und Gehör erobert, aber auch die diversen Hits davor und einige danach sin für mich seither unvergesslich. Da sind sie also, live, in Farbe und voller Größe und somit kleiner als ich – das zumindest trifft auf das einzig überbleibende Originalmitglied Terry Coldwell zu. Mein Favorit der Truppe, John Hendy, ist leider im vergangenen Jahr ausgestiegen, von Hauptsongschreiber Tony Mortimer und Leadsänger Brian Harvey will ich gar nicht erst anfangen. Es ist wie es ist und ich bin dennoch völlig hin und futsch. So surreal ist es, diese live Songs zu hören, und einen blauen Fleck vom Körpervollkontakt davonzutragen, als John Terry Bull nach kurzer Tuchfühlung mit dem Publikum zurück auf die Bühne springt. “It’s Allright”, “Thunder”, “House of Love”, “Gold”, “Steam” und “Stay Another Day” (hab ich noch was vergessen?!) sind nach einer guten halben Stunde viel zu schnell schon wieder vorbei und ich muss erstmal klarkommen.

Captain Hollywood Project: Call me, Mister (not so vain)

Es folgt die mit Abstand größte Überraschung des Tages, denn die tanzbaren Überreste von Twenty-4-Seven in Form der Nürnberger Dancefloor-Formation Captain Hollywood Project überzeugt mich vor allem durch ihre Liveband: Drei langhaarige Typen, der Bassist mit Slayer-Shirt, der obligatorische Glamrocker im Netzhemd und dann dieser rothaarige Gitarrist mit einer schwarzen Les Paul, höchstwahrscheinlich von Gibson und Bikerlederjacke. Irgendwann fliegt sein Hut und das Feuer flammt auf; also ich bin begeistert, nicht zuletzt von dem kleinen “Flirt”, der sich zwischen Bühne und Fotograben und uns beiden anbahnt. Da kann auch schon mal der Reiß- oder vielmehr Reizverschluss klemmen. Aber hey, hier und heute bleibt eben keine Hose ganz geschlossen und die Emotionen sind mindestens so heiß, wie die Pyrotechnik. Doch einer hat heute ganz klar den Preis für das mitunter beste Bühnenoutfit verdient: LayZee fka. Mister President kann nicht nur mit seinem Hüftschwung überzeugen. Im beigefarbenen Anzug, weißem Hemd und Sneakern wirken “Coco Jambo”, “Up ‘n Away” und “I Give You My Heart” fast schon seriös. Dass an diesem Samstag einfach alles möglich ist, wird auch in der kommenden Stunde deutlich, denn es folgt eine Aufwartung von Veranstalter Markus Krampe höchstpersönlich. Der bedankt sich zunächst bei den 25.000 Zuschauern und hat dann noch eine ganz besondere Mission: Ein Geburtstagsgeschenk an den äußert verzückten Oliver Petszokat überreichen, denn der feiert seinen 41. und das zur Freude aller Beteiligten. Und dann schnell rückwärts an den Bühnenrand und für die wartende Masse noch mal nach vorne stürmen, aber vorher hat auch das Geburtstagskind noch einen Auftrag. Denn nicht nur das Älterwerden wird in der Bundesstadt gefeiert, sondern auch die Liebe und so werden wir heute Zeuge eines Heiratsantrags mit Happy End, hach. Aufgetreten ist Oli P. dann auch noch und hat mit eigenen Stücken und Covern alle abgeholt. Für mich gibt es dann zwei Fotos vom Meister der Selfies und selbsternannten größten David Hasselhoff-Fan aller Zeiten selbst geschossen, nachdem mein Smartphone plötzlich auf der Bühne und in Olis Händen ist, was für ein geiler Typ!

Star zum Anfassen: Oli P. sind Berührungsängste völlig fremd

Als nächstes dann Masterboy, die ich schon gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, die aber dennoch im allgemeinen Unterbewusstsein gut verankert sind und auch ich stimme bei Tracks wie “Feel the Heat of the Night”, “I got to give it up” und dem quasi leitmotivischen “Generation Of Love” ein und freue mich des Lebens. Nachdem nun auch die Sonne über Bonn untergegangen ist, wird es noch mal richtig spannend. Dank Moderator Mola Adebisi und Live-DJ von Radio Bonn wird es auch zwischen den Bands und Künstlern nie langweilig. Aber erst beim Grande Finale blüht die ehemalige Hauptstadt der BRD noch einmal richtig auf, wenn Jasmin Wagner als Blümchen beweist, wie massentauglich Techno mit einer Priese Pop auch im 21. Jahrhundert ist. Mit knapp 40 Jahren überstrahlt die hochgewachsene Hamburgerin heute alle Sterne am Himmel. Die Bühnendeko zwischen Fitness-Studio und Alice im Wunderland sorgt für die optische Komponente. Doch auch ganz ohne Riesen-Einhörner, Rennrad und ihre Tänzerinnen und Tänzer wäre Blümchen der berichtigte Headliner des Abends. “Ich bin wieder hier” als Opener könnte kaum besser passen, denn bereits 2018 war das Nordlicht in seiner Paraderolle wieder aktiv und konnte auch in Bonn als reife Blume live überzeugen. “Computerliebe”, “Gib mir noch Zeit”, “Boomerang”, “Kleiner Satellit (Piep Piep)” und “Herz an Herz” kennt jeder und auch ihre Liebeserklärung an die “beste Band der Welt” mit ihrer Interpretation des Queen-Klassikers “Bicycle Race” verfehlt seine Wirkung wahrlich nicht. Um 22 Uhr ist dann Schluss und heute geht hoffentlich jeder glücklich nach Hause. Danke an alle, die mit mir gefeiert haben, ihr wisst, wer gemeint ist. Und dicken Dank für die exzellente Verpflegung im Fotograben. Wir sehen uns 2020.

Blümchen: Jasmin Wagner kann sich hören & sehen lassen

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